Das falsche Leben
Spannende Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit
Eine außergewöhnliche Lesung erlebten die Neuntklässler der Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg (WvO) am Dienstag vergangener Woche: Die Autorin Maja Nielsen war zu Gast, um aus ihrem Jugendroman „Das falsche Leben“ zu lesen und Einblicke in die Entstehung des Romans sowie die deutsch-deutsche Geschichte zu geben. Da die Klassen das Buch bereits im Deutschunterricht gelesen hatten, entwickelte sich schnell eine lebendige und interessante Atmosphäre.
Gleich zu Beginn machte Nielsen deutlich, wie tief ihre Geschichte in realen historischen Ereignissen verwurzelt ist. So berichtete sie, dass es nach Schätzungen der Stasi-Unterlagenbehörde rund 12.000 sogenannte „Kundschafter des Friedens“ gab, die als DDR-Spione in der Bundesrepublik tätig waren. Besonders eindrücklich schilderte sie den Fall des Stasi-Offiziers Werner Stiller, der im Januar 1979 zum Bundesnachrichtendienst in die Bundesrepublik überlief und dabei etwa 70 DDR-Spione enttarnte. Einer von ihnen war Armin Raufeisen, der Vater des Protagonisten Thomas Raufeisen. Hier setzt Maja Nielsens Roman an.
Armin Raufeisen lebte lange Jahre mit seiner Familie in Hannover. Um aber einer Verhaftung in Westdeutschland zu entgehen, setzt er sich mit seiner Familie unter dem Vorwand, den kranken Opa besuchen zu wollen, in die DDR ab. Die Reise der Familie führt sie über die Transitstrecke nach West-Berlin und schließlich weiter zu den Großeltern nach Usedom. Bald schon bemerkt Sohn Thomas aber, dass etwas nicht stimmt. Voller Entsetzen muss er feststellen, dass er von jetzt auf gleich von seinem Vater gewissermaßen in ein völlig fremdes Land entführt worden ist und dort jede Aufmüpfigkeit oder Kritik von der Stasi mundtot gemacht wird.
Nielsen schildert neben Thomas‘ Schicksal eindrucksvoll, wie der anfänglich linientreu sozialistische Vater im real existierenden Sozialismus der DDR zunehmend desillusioniert wird. Als Armin Raufeisen plant, mit seiner Familie wieder in die Bundesrepublik zurückzukehren, einen Ausreiseantrag stellt und sogar riskante Fluchtversuche unternimmt, reißt der Stasi der Geduldsfaden: Die Familie wird inhaftiert und in fingierten Prozessen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.
Besonders spannend war für die Schülerinnen und Schüler Nielsens Bericht über die Entstehung des Romans. In enger Zusammenarbeit mit Thomas Raufeisen, der mittlerweile als Zeitzeuge und Referent an der Gedenkstätte des ehem. Stasigefängnisses Hohenschönhausen tätig ist, hat sie dessen Geschichte aufgearbeitet. Auch wenn das eigentliche Schreiben nur etwa zwei Monate gedauert habe, sei eine intensive Recherchephase vorausgegangen. Historische Fakten mussten geprüft, Hintergründe beleuchtet und mit verschiedenen Institutionen abgestimmt werden, um die Geschichte von Thomas Raufeisen authentisch und zugleich für Jugendliche verständlich darzustellen.
Die Lesung selbst war durchgehend fesselnd, denn Nielsen verstand es, mit ihrer lebendigen Erzählweise Spannung aufzubauen und die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer emotional mitzunehmen. Viele zeigten sich beeindruckt davon, wie greifbar Geschichte durch persönliche Schicksale werden kann. Der Jugendroman ist für den Jugendliteraturpreis 2026 nominiert und wir drücken Maja Nielsen für diesen eindrucksvollen Roman fest die Daumen, dass sie den Preis im Oktober 2026 tatsächlich entgegennehmen darf.
- 2026
- copyright Text: Ines Liebnitz, WvO
- copyright Foto: Markus Hoffmann, WvO