Er ist wieder da. Gemeint ist der Konjunktiv!
Lesung fördert Phantasie und utopisches Denken – ein Bericht
Obwohl wir in Zeiten leben, in denen das Wünschen schwierig geworden ist, taucht der Konjunktiv wieder häufiger in der Öffentlichkeit auf, vorausgesetzt allerdings man ist nicht nur in den Fun-Medien unterwegs.
So vieles in den Nachrichten, was politisch unklar oder nicht belegbar ist, so vieles aus der Welt, was nur spekuliert wird oder werden kann… Man vermutet, dass der Präsident diese oder jene Absicht habe… Und wir wünschten uns dann manchmal, es möge nicht wahr sein.
In solchen Zeiten schadet eine Sensibilisierung in Sachen Konjunktiv keinesfalls, dachten wir uns, und luden unseren ehemaligen Kollegen Bernhard Mahnke ein, sein unterhaltsames und fachlich fundiertes Programm zum Konjunktiv vorzutragen. Zwei Deutsch-Grundkurse, nämlich die von Uta Sippel und Thilo Schwarz-von Dessonneck, sprich ungefähr vierzig Abiturienten, die unsere kleine Übergangs-Bibliothek gerade so aufnehmen konnte, fanden sich ein, um den Konjunktiv mal von einer anderen Seite zu betrachten.
Während Uta Sippel Begrüßung und Moderation übernahm, wurde Kollege Thilo Schwarz-von Dessonneck kurzerhand zum Mit-Leser befördert: Wir hatten unseren Spaß an den zwei Herrn, die beim Vortrag von „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn … !“ beinahe zu singen angefangen hätten. Neben vergnüglichen Texten gab es auch Tiefgründig-Rätselhaftes von Kafka, dessen Roman „Der Prozess“ als Abitur-Pflichtlektüre ja unser Ausgangspunkt in Sachen Konjunktiv gewesen war.
Besonders beeindruckend waren jedoch Ausführungen zu Dieter Kühns Erzählung „Freitags erste Lektionen“, in der es um die Potentiale des Konjunktivs geht: Der Autor greift die in Deutschland hauptsächlich aus der Abenteuerliteratur bekannte Figur Robinson auf. Der ist auf einer einsamen Insel gefangen, versucht einen „Wilden zu kultivieren“ und entscheidet sich ganz bewusst, ihm den Konjunktiv eben nicht beizubringen. Dieser Robinson macht sich zunutze, dass die Möglichkeitsform, die Phantasie und utopisches Denken fördert, Seitenwege zulässt, Kritikfähigkeit unterstützt und jede Art von „Sprachimperialismus“ unterlaufen hilft. – Das gibt zu denken!
Was folgt daraus? - In der Mittelstufe nervt der Konjunktiv immer mal wieder, in der Oberstufe wird er für die allseits beliebten Textreferate dringend gebraucht und im Alltag hilft er, höflich zu sein. Aber wir haben gelernt: Weder in der Schule noch im richtigen Leben ist der Konjunktiv ein Luxus, sondern ein Werkzeug, das Missverständnisse verhindert, sprachliche Nuancen ermöglicht und komplexes Denken fördert.
- 2026
- copyright Text: Uta Sippel, WvO
- copyright Foto: Uta Sippel, WvO